Freitag, 18. März 2011

Damit wir nicht an uns scheitern...

Wenn ich eins in den letzten Jahren gelernt habe, dann ist es dies, daß nur der Wille zu Veränderung nicht ausreicht.

In den Jahren 2006/2007 mit viel Enthusiasmus gestartet, waren wir als kleine Gruppe hochmotiviert und wollten politisch sein, weil wir politisch sein mußten. Wir hatten ein klares Feindbild vor unseren Augen, hatten den Überblick, wer an unserer Seite war und die anderen Parteien hatten uns ignoriert und wir konnten uns ohne Konsequenzen in Scharmützel stürzen und den einen oder anderen Stachel in die etablierten Parteien treiben.

Heute, knapp 5 Jahre später ist das anders. Die etablierten Parteien, allen voran die kleinen, wie die Grünen und die FDP, haben genau auf dem Schirm, was wir treiben. Es ist spätestens seit der Wahl zum europäischen Parlament zu beobachten, wie gerade die Grünen versuchen, unsere Stil- und Ausdrucksformen zu kopieren und den Bürgern zu suggerieren versuchen, "wählt lieber Grün statt Orange, da habt ihr neben den Bürgerrechten, gleich noch Öko mit drin". Wenn man einigermaßen aufgeklärt ist, kann man recht leicht feststellen, daß es gerade die Grünen sind, denen ein beispielhafter Spagat gelungen ist,  sich nach außen hin als moderne, offene und fortschrittliche Partei darzustellen und im Inneren (und in all ihrem Handeln und Tun) erzkonservative, rückständige und technologie- und fortschrittsfeindliche Ansichten zu pflegen.

In diesem Umfeld, wo wir als Partei, als Piraten so ernstgenommen werden, daß es in anderen Parteien strategische Überlegungen gibt, wie man die Kernthemen der Piraten oberflächlich integrieren und uns damit das Fundament zerbröseln kann, müssen wir uns absolut darüber klar werden, daß eine gewisse Professionalisierung in der politischen Arbeit erfolgen muß.

Professionalisierung heißt hier in allererster Linie die Verbesserung der internen, aber auch der externen Kommunikation. Wir haben als Partei den Anspruch, unser Wirken für den Bürger transparent zu machen, die Hürden zur Mitarbeit niedrig zu halten und auf allen Kanälen präsent zu sein.

Leider haben wir es versäumt uns auf Regeln im Umgang miteinander zu einigen, und wer die Aktiven-ML liest, mal im Forum vorbeigeschaut oder einen Shitstorm bei Twitter erlebt hat, weiß, wovon ich schreibe. Ob der Prozess der Spielregelfindung durch den Bundesvorstand hätte angestoßen werden müssen, möchte ich hier gar nicht diskutieren. Fakt ist aber, daß wir Piraten und an uns Interessierte durch Eskalationen verloren haben und wenn wir nicht gegensteuern auch weiter verlieren. Wem das nicht einleuchtet, der sollte sich fragen, ob zB. ein Berufstätiger, der Sympathien für uns zeigt, der nach 9h Arbeit nach Hause kommt, in täglichen Verhandlungen mit Frau und Kindern sich müde Freiraum für die Piraten schaufelt, dann durch hunderte Mails auf der Suche nach den Perlen wühlt, vielleicht auch eine geniale Idee hat, diese in eine Diskussion einbringt, in der frohen Haltung, einen konstruktiven Beitrag geleistet zu haben -- nur um dann wenige Stunden später feststellen zu müssen, daß im besten Falle niemand seinen Beitrag bemerkt, geschweige denn gelesen hat und im schlechtesten Fall durch selbsternannte "Hüter der Wahrheit" sein Beitrag in der Luft zerrissen und sinnentstellt seine Worte verdreht wurden.

Betrachten wir aber auch mal die Wirkung der Partei nach außen hin. Seit letztem Jahr fehlt den Piraten bundesweit ihr Gesicht. Jens Seipenbusch tritt defacto nicht mehr in Erscheinung, das Außenbild des Vorstandes war viele Monate hinweg jenes der Zerstritten- und Zerissenheit. Ein klares Signal, wohin die Reise geht, auch eine klare Vorbildwirkung im positiven Sinne, auch als Signal in die Partei hat es nicht gegeben. Einzig politisch wirksam wahrgenommen wurden die Einzelleistungen von C. Lauer und A. Popp.
Neben dem desolaten Zustand des Bundesvorstandes (als Einheit) haben wir es als Piraten nicht verstanden,  pro aktiv Akzente zu setzen. Verfolgt man zum Beispiel die Aktivitäten der Piraten über Twitter, so stellt man schnell fest, daß es nur wenige Stimmen gibt, die kritisch aktuelle Entwicklungen hinterfragen und Dinge erst einmal analysieren und verstehen wollen. Die Mehrzahl rottet sich selbstbeweihräuchernd zusammen um die nächste Sau durchs Twitter-Dorf zu treiben.

Für mich war und ist der geschilderte Zustand der Piraten ein entscheidender Grund gewesen, zu überlegen, woran es liegt: Ein Grund ist,  wir sind alle politikunerfahren gewesen, als wir zu den Piraten gefunden haben, vielen von uns fehlt die soziale Kompetenz und das Wissen darüber, wie man in der Gruppe gut zusammenarbeitet. Aber auch, und da komme ich auf den Anfang zurück, fehlt uns untereinander auch die Möglichkeit des Einordnens, des Bewertens, die Transparenz, das Wissen über uns und unsere Mitstreiter. Vertrauen bedingt, daß wir einander kennen. Und nur, wenn wir Vertrauen aufbauen können, können wir gut zusammenarbeiten.

Wir sollten hier von den Piraten lernen, die sich schon mit Projektmanagment und Kreativitätstechniken beschäftigt haben. Dinge, wie Lightning-Talks, um mal eben schnell eine Idee vorstellen zu können oder Metaplan-Technik, um Ideen von ihren Ideengebern zu abstrahieren um Blockaden (egal ob soziale oder andere) lösen zu können, aber auch geführte Diskussionen, wie Fish-Bowl haben sich zum Beispiel in Sachsen bewährt.

Auch wenn ich hier Projektmanagmenttechniken lobe, so sind sie nicht der Weisheit letzter Schluss. Wir haben es immer noch mit den Problemen der U-Boote, der Störer und der Besserwisser zu tun. Mit U-Booten meine ich diejenigen Mitglieder, die man nie im Prozess der Meinungsfindung erlebt, die aber immer dann auftauchen, wenn der Prozess abgeschlossen ist und das Ergebnis verabschiedet werden soll. U-Boote sind oft schwer frühzeitig zu erkennen, wie auch, denn oft erscheinen sie weder bei Arbeitstreffen, noch kann man etwas von ihnen lesen. Störer sind diejenigen, die eine Diskussion in Kriegsschauplätze verwandeln, die mit den Stilmitteln der Überspitzung, des persönlichen Angriffes, der Verballhornung, kurzum, mit dem gesamten Schopenhauer'schen Arsenal an Bösartigkeiten die gemeinsame Arbeit zu torpedieren, ob aus niederen Beweggründen oder gezielt ist dabei schon egal. Und der klassische Besserwisser, ist derjenige, der auf jedem Gebiet etwas zu sagen hat, der sich von Expertenmeinungen nicht einschüchtern läßt und fleissig sein Ego pflegt.
Hier Varianten zu finden, den Spagat hinzubekommen, grundsätzlich allen die Möglichkeit zum Mitmachen zu eröffnen und dennoch gemeinsames ergebnisorientiertes Arbeiten ohne Störung zu gewährleisten, ist eine Herausforderung, die, wollen wir bestehen, wir unbedingt bewältigen müssen.

Um dem gleich einen Riegel vorzuschieben, wir benötigen nicht neue Kommunikationskanäle, wir benötigen nicht technologische Lösungen. Wir benötigen vielmehr soziale Methoden, die es uns ermöglichen endlich politisch tätig zu sein und wirksam zusammen(!)zuarbeiten.